Das Weihnachtswunder eines Radfahrers

Der Bleistift bewegt sich auf und ab in seinem Mund. Paul kaut auf dem Ende seines Bleistifts herum. Paul ist schon über 30. Seit er mit dem Rad zur Arbeit fährt hat er das Gefühl, dass es vielleicht doch Magie in dieser Welt gibt. Seine Rückenschmerzen, weg. Die überschüssigen Pfunde, weg. Stress und Sorgen, zumindest weniger.

Daher will er dieses Jahr endlich wieder einen Wunschzettel schreiben, wer weiß was passiert.  Einen Wunschzettel hat er schon seit vielen Jahren nicht mehr geschrieben. Darüber nachgedacht hat schon, sich aber nicht getraut einen zu schreiben. Der Zuspruch seiner Frau war der entscheidende Auslöser gewesen, es nun doch zu versuchen.


Die Aufgabe machte ihm Spaß, und ging schnell von der Hand. Er notiert nicht nur eine neue Fahrradhose, Handschuhe und eine Tasche für sein Fahrrad. Aber nun hat er ein Problem. Er hat noch einen Wunsch, aber er traut sich nicht, diesen hinzuschreiben. Er wünscht sich so sehr schöne Radwege für die Fahrt ins Büro. Nichts Besonderes, nur ohne Schlaglöcher, Mülltonen, Laubsäcke, parkende Autos, Baumwurzeln, usw… Kann man sich so etwas wünschen? Darf man das? Ein solcher Wunsch ist Sache des Christkinds. Der Weihnachtswichtel aus den Nachrichten hatte ihm nämlich gesagt, das Christkind aus der Verkehrsbehörde hätte in diesem und auch im nächsten Jahr wenig Geld, um alle Wünsche erfüllen zu können. Dann fasst er sich ein Herz und notierte den Wunsch doch. Er zeichnet auch einen Radweg mit glatter Oberfläche und schicken Schutzpollern auf der Straßenseite. Um die Chancen zu erhöhen hatte noch ein Idee. Er notiert all die Arbeiten, Steuern und den gesellschaftlichen Nutzen, den er dieses Jahr vollbracht hat.

Die Tage bis Weihnachten dauern gefühlt ewig und die Spannung war schwer auszuhalten. Aber tapfer hält Paul Wort. Er fährt wieder jeden Tag mit dem Rad, das bringt schon mal einen gesamtgesellschaftlichen Nutzen von 30 Cent pro Kilometer. Wenn er mit dem Auto fahren würde, würde dies 20 Cent Kosten für die Gesellschaft pro Kilometer erzeugen, die derzeit nicht durch Steuern und Abgaben gedeckt sind. Macht also 50 Cent pro Kilometer!


Dann war er da, der Heilige Abend und somit auch die Bescherung. Die Bescherung bringt die Sachen, die er sich gewünscht hat. Und einen riesigen Schokoladenweihnachtsmann auf einem Fahrrad. Auch die neuen Radwege? Diese konnte man schließlich nicht unter den Baum legen. In den Nachrichten war nichts. Er würde verstegeb, dass man nicht alles bekommen kann, was man sich so wünscht. Ein neues Parkhaus für Autos am Bahnhof ist halt auch wichtig.


Paul liegt im Bett und schläft. Ein sanftes Stupsen am Arm weckt Paul. Er will schon vor Schreck laut rufen, aber das Mädchen im weißen Gewand hält ihren Finger vor dem Mund.

„Psssst! Wecke deine Frau nicht auf.“ Dann macht sie eine Handbewegung ihr zu folgen.
Leise schleichen sie aus dem Haus. „Ich heiße Michaela. Ich bin für die Sonderwünsche an das Christkind zuständig. Du hast dir zu Weihnachten einen Radweg gewünscht?“

Paul nickt eifrig, denn vor Aufregung kann er nicht sprechen.

„Das Christkind kann leider keine Radwege verschenken, aber du willst doch auf einem tollen Radwege fahren? Nicht wahr? “Wieder kann Paul nur nicken. „Dieser Wunsch soll dir erfüllt werden.“

Der Engel für die Sonderwünsche schnippte mit den Fingern. Paul hat auf einmal seine Radkleidung an. Dabei deutet Michaela auf sein Fahrrad. Zögerlich steigt Paul auf. Langsam setzen sich die beiden in Bewegung. Paul glaubt, dass es nun die holprigen Wegen entlang gehen würde, aber nach einigen Augenblicken erreichen sie den neuen Radweg, glatt wie Engelshaar und geschützt wie das Dorf vom Weihnachtsmann.

Der Wind weht Paul um die Nase. Paul sieht Busse, die Menschen schlucken und bald wieder ausspucken. Menschen laufen über Straßen und Bürgersteige. Kein Auto stört auf dem Radweg. Als sie zusammen wieder zu Hause ankommen, ist Paul glücklich.

Michaela hat noch eine lange Liste der Sonderwünsche. Im Bett streut sie Paul etwas Zaubersand in die Augen. Als er am Morgen aufwacht, weiß er nicht, ob er geträumt hat, oder ob es Wirklichkeit war. Er beschließt, mit keinem darüber zu sprechen. Am ersten Werktag nach Weihnachten steht in der Zeitung, dass die Verkehrsbehörde über die Feiertage beschlossen hat kilometerweit in der Stadt die Radwege auszubauen und zu sanieren. Paul lächelt glücklich.

Die Idee unserer Geschichte beruht auf Volker Buchlohs „Der Wunschzettel“. Wir bedanken uns herzlich bei Volker Buchloh für die Zustimmung seine Geschichte als Basis nutzen zu dürfen.

Das Original „Der Wunschzettel“ gibt es hier:

Der Wunschzettel – eine Weihnachtsgeschichte von Volker Buchloh

Mehr über Volker Buchloh hier:

http://www.buchloh-krimis.de/

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